Giacomo Casanova, Abenteurer aus Venedig, war sicher der berühmteste aller Besucher im Ludwigsburger Schlosstheater. Bei seinem Aufenthalt in Stuttgart und Ludwigsburg erlebt er mehr dramatische und amouröse Aufregungen als mancher Württemberger in seinem ganzen Leben – zumindest nach seiner Darstellung in den „Lebenserinnerungen“ (hier Band 3, Kapitel 14).
Der Hof des Herzogs von Württemberg war zu jener Zeit der glänzendste von ganz Europa. Die reichlichen Hilfsgelder, welche Frankreich dem Fürsten dafür bezahlte, daß er ein Heer von zehntausend Mann zur Verfügung dieser Macht unterhielt, setzten ihn instand, diese Ausgaben zu bestreiten, die sein Luxus und seine Ausschweifungen erforderten. (…)
Der Herzog war seiner Anlage nach prachtliebend: herrliche Gebäude, ein großartiger Marstall, eine glänzende Jägerei, Launen aller Art, kosteten ihm viel Geld; ungeheure Summen aber gab er für hohe Besoldungen aus und noch größere für sein Theater und seine Maitressen. Er unterhielt französische Komödie, ernste und komische italienische Oper und zwanzig italienische Tänzer, von denen jeder an einem der großen Theater Italiens erster Tänzer gewesen war. Noverre war sein Choreograph und Ballettdirektor; er verwendete zuweilen hundert Figuranten und mehr. Ein geschickter Maschinenmeister und die besten Dekorationsmaler arbeiteten um die Wette und mit großen Kosten, um die Zuschauer zum Glauben an Zauberei zu zwingen. Alle Tänzerinnen waren hübsch und alle rühmten sich, den gnädigen Herrn zum mindesten einmal glücklich gemacht zu haben. Die erste Tänzerin war eine Venetianerin, die Tochter eines Gondeliere, namens Gardello. Der Senator Malipiero, von dem meine Leser wissen, daß er mir zuerst eine gute Erziehung geben ließ, hatte sie für das Theater ausbilden lassen, indem er einen Tanzlehrer für sie bezahlte. Nach meiner Flucht aus den Bleidächern hatte ich sie in München als Frau Michele Agata gefunden. Der Herzog fand sie nach seinem Geschmack und bat ihren Mann um sie; dieser schätzte sich glücklich, sie ihm abtreten zu können. Aber schon ein Jahr darauf war der Herzog ihrer Reize müde und pensionierte sie mit dem Titel Madame. (…)
Nachdem ich allein auf meinem Zimmer gespeist hatte, machte ich Toilette und ging in die Oper, die der Herzog in dem von ihm erbauten schönen Theater dem Publikum gratis geben ließ; der Fürst saß vor dem Orchester, umgeben von seinem glänzenden Hofe. Ich nahm in einer Loge des ersten Ranges Platz, allein und sehr zufrieden, ohne die geringste Ablenkung ein Musikstück des berühmten Jumella hören zu können, der im Dienst des Herzogs stand. Unbekannt mit den Gebräuchen gewisser kleiner deutscher Höfe, applaudierte ich bei einem Solo, das von einem Kastraten, dessen Namen ich vergessen habe, entzückend schön gesungen wurde; einen Augenblick darauf trat ein Mensch in meine Loge und sagte in unhöflichem Tone etwas zu mir, worauf ich nur erwidern konnte: nicht verstanden.
Er ging hinaus, und bald nachher sah ich einen Offizier erscheinen, der mir in gutem Französisch sagte, da der Herrscher sich im Theater befinde, so sei es nicht erlaubt, zu applaudieren.
„Sehr wohl, mein Herr; ich werde wiederkommen, wenn der Herrscher nicht hier ist; denn wenn eine Arie mir gefällt, ist es mir unmöglich, meinen Beifall nicht auszudrücken.“
Nach dieser Antwort ließ ich meinen Wagen rufen, aber in dem Augenblick, wo ich einsteigen wollte, kam wieder derselbe Offizier und sagte mir, der Herzog wünsche mit mir zu sprechen. Ich folgte ihm in den Cercle.
„Sie sind also Herr Casanova?“
„Ja, gnädiger Herr.“
„Woher kommen Sie?“
„Aus Köln.“
„Sie sind zum erstenmal in Stuttgart?“
„Ja, gnädiger Herr.“
„Gedenken Sie sich hier lange aufzuhalten?“
„Fünf oder sechs Tage, wenn Eure Hoheit mir es erlauben wollen.“
„Recht gern; bleiben Sie solange, wie es Ihnen gefällt, und es soll Ihnen erlaubt sein, in die Hände zu klatschen, soviel Sie wollen.“
„Ich werde von dieser Erlaubnis Gebrauch machen, gnädiger Herr.“
„Gut.“
Ich setzte mich auf eine Bank, und alle Anwesenden folgten aufmerksam dem Spiel der Schauspieler. Als bald darauf ein Sänger eine Arie gesungen hatte, applaudierte der Herzog, und alle langohrigen Hofleute machten es dem gnädigen Herrn nach; ich aber blieb ganz still, denn ich fand den Gesang sehr mittelmäßig; jeder nach seinem Geschmack. Nach dem Ballett ging der Herzog in die Loge der Favoritin, küßte ihr die Hand und entfernte sich. Ein neben mir stehender Offizier, der nicht wußte, daß ich die Gardella kannte, sagte mir, es sei Madame, und da ich die Ehre gehabt habe, mit dem Fürsten zu sprechen, so könne ich mir auch die Ehre verschaffen, in ihre Loge zu gehen und ihr die Hand zu küssen.
Ich hatte Lust, laut aufzulachen, aber ich beherrschte mich und infolge einer unbegreiflichen und sehr unbesonnenen Laune hatte ich den Einfall, ihm zu antworten, ich glaubte mir dies ersparen zu können, weil sie meine Verwandte wäre. Kaum war dieses Wort heraus, so biß ich mich auf die Lippen, denn diese ungeschickte Lüge konnte mir nur schaden; aber es stand geschrieben, daß ich in Stuttgart nur schwere Dummheiten begehen sollte. Der Offizier, den meine Antwort anscheinend überrascht hatte, grüßte mich und ging in die Loge der Favoritin, um sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen.
Die Gardella wandte den Kopf nach mir und winkte mir mit dem Fächer; ich beeilte mich, ihrem Rufe zu folgen, obwohl ich innerlich selber über die dumme Rolle lachte, die ich spielen würde. Als ich eingetreten war, reichte sie mir liebenswürdig die Hand, die ich küßte, indem ich sie als Cousine anredete.
„Haben Sie sich dem Herzog als meinen Vetter vorgestellt?“
„Nein.“
„Nun, so werde ich es tun. Ich lade Sie für morgen zum Mittagessen ein.“
Nachdem sie sich entfernt hatte, suchte ich die Tänzerinnen auf, die beim Auskleiden waren. Die Binetti, eine meiner ältesten Bekanntschaften, war ganz außer sich vor Freude über das Wiedersehen mit mir und lud mich ein, jeden Tag mit ihr zu speisen. Der treffliche Violinspieler Curtz, der im Orchester von San Samuele mein Kamerad gewesen war, stellte mir seine sehr schöne Tochter vor, indem er in selbstbewußtem Tone mir sagte: „Die ist nicht für die schönen Augen des Herzogs geschaffen; er wird sie niemals bekommen.“ Der brave Mann war kein Prophet; denn der Herzog bekam sie bald darauf und wurde von ihr geliebt. (…) Nach der jungen Curtz sah ich die kleine Vulcani, die ich in Dresden gekannt hatte; sie überraschte mich sehr, indem sie mir ihren Mann vorstellte, der mir um den Hals fiel. Es war Baletti, der Bruder meiner Ungetreuen, ein talentvoller Jüngling, den ich unendlich lieb hatte. (…)