Ein KÖNIG MIT GEBROCHENEM HERZEN KARL LIEBT CHARLES

Karl von Württemberg war homosexuell. Der junge Amerikaner Charles Woodcock eroberte 1883 sein Herz im Sturm. Die Affäre wurde jedoch zur Belastungsprobe für das Königreich – ihre Beziehung endete schlagartig; man übte Druck auf Karl aus. Auch Königin Olga litt unter den Liebschaften ihres Mannes.

Residenzschloss Ludwigsburg, Ahnengalerie

Das Porträt hängt in der Ahnengalerie des Residenzschlosses.

KÖNIG KARL UND DIE MÄNNER

Über was mag König Karl wohl nachdenken? Das großformatige Porträt des dritten württembergischen Regenten hängt in der Ahnengalerie im Residenzschloss Ludwigsburg. Es zeigt den gutmütigen Monarchen nachdenklich in die Ferne blickend. Der einzige Sohn von Wilhelm I. und Pauline bestieg 1864 den Thron. An seiner Seite stand Olga, die Tochter des russischen Zaren. Ihre Ehe schien zukunftsträchtig; sie blieb jedoch kinderlos. Nicht nur das belastete Olga: Karl war außerdem homosexuell. Der König liebte Männer.

DER KÖNIG UND SEINE GROSSE LIEBE

Der junge Amerikaner Charles Woodcock trat 1883 in das Leben von König Karl. Er wurde dem württembergischen Monarchen als ein Schriftsteller aus einer vornehmen Familie vorgestellt: Karl verfiel dem Charme des groß gewachsenen jungen Mann mit den ausdruckstarken Augen und dem gepflegten Auftreten. Tatsächlich war Woodcock ein Hochstapler: Er war aus New York, aber der Sohn eines Metzgers, der eine Predigerausbildung erhalten hatte. Die Wahrheit über ihn kam erst später ans Licht.

Ein Vorleser – vermutlich Charles Woodcock – und Königin Olga in Nizza.

EINE TRENNUNG AUS STAATSRÄSON

Woodcock war sowohl Liebhaber als auch Günstling. Der Amerikaner mischte sich in die Landespolitik und bei Stellenbesetzungen ein – zunächst auf königliche Bitte, dann aus Eigeninitiative. Schließlich erfüllte König Karl seinem Geliebten einen Wunsch: Er machte ihn zum Baron Woodcock-Savage. Die Adelung empörte den Hof. Prinz Wilhelm, Ministerpräsident Mittnacht und sogar der Reichskanzler Bismarck übten Druck auf Karl aus. Der König entschied sich schweren Herzens für die Trennung, und damit für den Thron.

König Karl und Königin Olga von Württemberg, Die Gartenlaube, 1889

Die Königin hielt zum König – doch sie trug schwer an der Ehe.

BIS DASS DER TOD SIE SCHIED

Charles Woodcock war nicht der erste und letzte Liebhaber des Königs. Bereits in jungen Jahren suchte Karl von Württemberg die intime Nähe von Frauen und Männern. Allmählich gab er den Männern jedoch den Vorzug. Der neue Freund des Königs war Wilhelm George, der Maschinenmeister des Hoftheaters. Den Einfluss seines schneidigen Vorgängers erreichte er nicht. Nach nur zweijähriger Beziehung starb der König 1891. Königin Olga hielt bis zuletzt zu ihrem Mann, trotz aller Schwierigkeiten.

Kloster und Schloss Bebenhausen, Porträt König Karl I. von Württemberg, Frühstückszimmer, Mitte des 19. Jahrhunderts

Der Adel ging zu Karl auf Distanz, das Volk verehrte ihn jedoch noch immer.

HOMOSEXUALITÄT ‒ EIN LASTER?

Das homosexuelle Liebesleben des Königs galt als verwerflich, als „unnatürliches Laster der Unkeuschheit“. Die Presse schwieg größtenteils, doch finden sich hier und da einzelne Bemerkungen über den „hübschen und intelligenten Ausländer“, der „mit Orden, Titeln und Geschenken“ überhäuft wurde. Das Verhältnis zum Adel blieb angespannt: Er schien sich mehr über die Günstlingswirtschaft als über die sexuelle Neigung des Königs empört zu haben. Im Volk genoss Karl trotzdem uneingeschränkt hohes Ansehen.

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